Amerikaner
November 4th, 2008
Mit dreiundzwanzig kommt einem der Altersunterschied zu einer Siebzehnjährigen groß vor, aus Sicht der Siebzehnjährigen wohl noch viel mehr. Die Aussprüche des komischen Alten haben für die Siebzehnjährige Gewicht: Mädchengymnasium gegen Kunstakademie. Manche Worte prägen sich für immer ein, auch wenn sie nur von einem verwirrten, total verunsicherten Kunststudenten kommen. Die Komplimente, die die Siebzehnjährige hört, sind für sie neu, und daher ernst zu nehmen, die Beleidigungen sind auch neu und dadurch noch tödlicher. Die Prägekraft durch den Altersunterschied ist aber nichts gegen die Prägekraft durch Verliebtheit. Der Dreiundzwanzigjährige wird plötzlich von der Siebzehnjährigen geprägt, weil die Aussprüche des länglichen Mädchen seine leichtsinnigen Meinungen mühelos aus dem Weg räumen und mit generalsbischöflicher Amtsgewalt seine Seele umgestalten. So geschehen auf dem Düsseldorfer Carlsplatz anno, anno, anno tobak. Wir schlenderten so daher, CF sagte etwas Überraschendes und ich sagte o. Aber ich sprach es nicht wie in platonischer Wechselrede aus sondern wohl eher oh, wie in oh shit! CF sagte: „Christoph! Du bist doch kein Amerikaner!“ Das klang nicht annähernd so tantenhaft, wie es sich jetzt anhört. Aber es war tantenhaft, denn CF hatte Tanten, Erbtanten, war ein bürgerliches Gewächs mit Mietshäusern, eine werdende Vollbürgerin, also Besitzbürger, Bildungsbürger und Bongoutbürger auf einmal. Dabei ist das oh! für meine Ohren urdeutsch und kann einem bei Gegentoren oder Gaussschen Gleichungen oder wenn einem der Computer Fragezeichen oder Bombe zeigt, schon mal entschlüpfen. Und ich werde auf ein spitzes O nicht mehr umlernen können, damals schon nicht und als alter Sack schon gar nicht. Gut, damit war das Entscheidende geschehen: Aus mir wurde ein Antiamerikaner. Demokratie, Menschenrechte? Zur Hölle damit! Pursuit of happiness? Bitte aus der Verfassung streichen als First Unamendment, oder am besten gleich die ganze Constitution streichen und durch etwas weniger Lächerliches ersetzen. Die Verehrung für die Constitution, hier als Verfassungspatriosmus nachgeäfft, wie ich sie hasse! Selbst bei unangreifbar coolen Amerikanern wie Burroughs, Hunter S. Thompson oder meinetwegen Dennis Hopper ist sie vorhanden, gehört zum Ritual der unangepaßtesten Liberals, um sich nicht ganz aus der Gemeinschaft auszugrenzen. Die Constitution als kleinster Nenner des radikalen Individualismus: tschüss! Verfassungspatriotismus statt Politik: no way! Wie ausnehmend schön ist doch Carl Gotthard Langhans’ Brandenburger Tor und wie abgrundtief häßlich deren blödes Capitol! Von denen ist nichts mehr zu erwarten, Amerika ist gefangen in einem politischen Repräsentationismus, der aus einer Zeit stammt, als man die Volksmeinung als Stimmzettel in Urnen packte und mit Postkutschen drei Wochen lang durch die Prärie rollen mußte, um sie in der Hauptstadt auszählen zu lassen. Im Zeitalter des Internets können wir die Volksmeinung in Minuten ermitteln. Hat das bisher eine Auswirkung auf unsere Verfassung oder zumindest unterhalb der Verfassung aufs Wahlrecht? Nein. Sollte es eine Auswirkung haben: ja. Wen sollen die Amerikaner also heute abend wählen, McCain oder Obama? Na einen müssen sie ja wählen, dann Obama.