Gedächtnis


November 5th, 2008

Jetzt weiß ich auch, welche Ahnin dieser Text hat. Dunkel steigt er aus einem Erinnerungswinkel ins Bewußtsein. Marie Luise Kaschnitz’ erster Roman. Glaube ich zumindest, sicher bin ich mir nicht. Morgen mal nachschauen. Es ist jetzt vier Uhr nachts, ich kann nicht einschlafen, nachdem ich noch mal von einem Anruf geweckt worden bin. Aber auf der Wahlparty im P. wäre wohl nichts mehr los. Wir verordneten unseren entzündeten Hälsen Schonung. – Marie Luise Kaschnitz: Ich kann mich an nichts anderes von ihr erinnern. – Nur ein undeutliches Tableau Hölderlin dienender Gedichte, und dieser Roman. – Damit ist sie, wenn ich mich richtig erinnere, bekannt geworden. Sie beschreibt darin ihre Beziehung zu ihrem Architektenehemann, wie sie zu zweit erst, ich meine, in Königsberg leben, später in… – Wie wenig man von einem Text behält, der einem doch eigentlich gut gefallen hat. Auf jeden Fall hat sie den Text vor dem Krieg geschrieben, in den Zwanzigern. – Wird wahrscheinlich heute von niemandem mehr gelesen, aber im Nachkriegsdeutschland gehörte sie zu den moralischen Instanzen, an denen sich das geschundene, blamierte Volk aufrichten konnte. Die Kaschnitz. – Mir tat ihr literarisch fingierter Ehemann leid – fällt mir wieder ein – in einem Moment, als er von der fiktiven Ehefrau dafür verurteilt wird, daß er beruflich absteigt. Die fiktive Version der Kaschnitz äußert sich enttäuscht darüber, daß aus seiner freiberuflichen Arbeit immer mehr eine abhängige Beschäftigung wird. Ich könnte jetzt kein weiteres Detail hinzufügen, an das ich mich so vergleichsweise genau erinnere. Vielleicht habe ich es mir gemerkt aus lauter Furcht vor den Beurteilungen der Frauen. Wenn sie einen schon für so geringe Vergehen verachten, seinen gutbezahlten Job nicht mehr durch Freiberuflichkeit distinguieren zu können, Berufstätigkeit als gesellschaftlichen Makel empfinden, was muß man sich da nicht alles einfallen lassen, um ihre Synapsenspalten mit Elektrizität zu füllen?